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Interview mit Sebastian Weber, Trainer des Team 'HTC-Columbia'
htc-tourdownunder2010-greipÜberragende Form schon zu Saisonbeginn: André Greipel gewinnt drei Etappen und die Gesamtwertung der Tour Down Under (Foto: Tim de Waele www.tdwsport.com)


Mit André Greipel und Mark Cavendish sind die beiden dominierenden Sprinter der Saison 2009 im gleichen Team. Für Dich als Leistungsphysiologen und Trainer des Teams ist das sicher ein absolutes Highlight.

Ja, das ist richtig. Es ist sehr spannend, mit solchen Sportlern zu arbeiten. Was dazu kommt ist natürlich der Sprintzug. Gerade hier wird es leistungsphysiologisch sehr interessant. Die Kombination aus Leistungsanalyse im Labor und der Messung im Rennen hat uns hier in den vergangenen Jahren viele wichtige Informationen über Fähigkeiten und Anforderungen für die Anfahrer gegeben.

Was waren aus Deiner Sicht die wichtigsten Faktoren für den Erfolg?
Was unterscheidet die beiden? Wo liegen ihre individuellen Stärken (und Schwächen)?

André und Mark sind recht unterschiedliche Typen, sowohl als Person als auch als Rennfahrer. Mark ist wesentlich effizienter im Sprint, technisch feiner und natürlich aerodynamisch bevorteilt. André hingegen hat mehr Power, ist aber größer und schwerer als Mark. Beide gemeinsam haben jedoch, dass Sie vermutlich die zur Zeit schnellsten Sprinter im Straßenradsport sind.

Nutzt Du in der Vorbereitungs- und Wettkampfphase spezifische Tests, um den Trainingsfortschritt zu dokumentieren und das weitere Training zu planen? Wie sehen diese Tests aus? Nutzt Du diese Tests auch bei anderen Radsportlern, die bei STAPS beraten und betreut werden?

Grundsätzlich gibt es zwei Bereiche von Tests mit denen ich arbeite. Zum einen sind das Feldtests bzw. die Daten aus den Rennen. Hier lässt sich sehr gut erkennen, was der Sportler physisch zu leisten vermag. Diese Informationen sagen aber nichts darüber aus, wie diese Leistung zustande kommt. Hier greifen wir dann auf die Labortests von STAPS (www.staps-online.com) zurück. Dabei werden die Leistungen aller drei Stoffwechselwege getrennt erfasst.

Für die Sprinter ist dabei vor allem die VLamax, also die maximale anaerobe laktazide Leistung (Information zur VLamax - klicken Sie bitte hier) sowie die Größe der Kreatinphosphatspeicher (anaerobe Kapazität) interessant. Beides ist einzigartig in dieser Art bestimmt zu werden und meiner Erfahrung nach sehr wichtig bei einer effektiven Trainingsplanung.
Als Beispiel: Wenn ein Fahrer, z. B. ein Anfahrer im Sprintzug, 30 Sekunden mit 900 Watt fahren kann und nach z. B. 6 Wochen die gleichen 900 Watt fährt, so kann es trotzdem sein, dass diese Leistung energetisch gesehen anders erbracht wird, sich also die Leistung dennoch verändert hat. Genau hier greifen die STAPS Tests ein, denn hier werden diese Veränderungen exakt erfasst.
Es handelt sich hierbei um die gleichen Tests die z. B. ein Freizeitsportler durchlaufen würde, der seine Anaerobe Schwelle oder seine Fettverbrennung verbessern möchte.

 

htc-tourdownunder2010-trainDer Team HTC-Columbia-Zug leistete perfekte Vorarbeit im Finale (Foto: Tim de Waele, www.tdwsport.com)

 

Was unterscheidet das Training von Greipel und Cavendish?
Siehst Du noch Steigerungsmöglichkeiten bei den beiden?

Ich denke durchaus, dass sich beide noch etwas steigern können. Bei Mark hat man das ja in den letzten Jahren vor allem in seiner Ausdauer auch an den Rennergebnissen sehen können. Schauen wir uns doch mal Mailand-San Remo letztes Jahr an, da wurde im Finale am Berg schnell gefahren und trotzdem war Mark noch mit dabei.
Auch André hat sich in seiner Ausdauer in den letzten Jahren steigern können und kommt trotz seiner großen Muskelmasse recht gut über die Berge. Das aktuelle Beispiel dafür ist der Sieg der Tour Down Under. Wo er 2008 nur einmal über den Willunga Hill musste, waren es 2010 zweimal, und die Konkurrenz hat alles versucht, ihn aus dem Trikot zu fahren. Mit Hilfe des starken Teams von André hat es aber geklappt, schnell genug über den Berg zu kommen, um das Trikot zu verteidigen.

Worin unterscheidet sich ganz allgemein das Training von Sprintern von dem anderer Fahrer?

Nun, da gibt es einige Aspekte. Ein Sprinter hat vor allem Trainingsinhalte, die speziell auf die Schnelligkeit und die Sprintfähigkeit abzielen. Dazu gehören Sprints in allen Variationen, bestimmte Intervalltrainingsformen sowie Motortraining. Dementgegen fallen Kraftausdauereinheiten im Trainingsplan etwas knapper bemessen aus, da sich dies mittelfristig etwas nachteilig auf die Spritzigkeit auswirkt.

Welchen Einfluss auf die Leistungsfähigkeit haben Talent und Training? Wird man zum Sprinter geboren?

Die Grundvoraussetzung muss man schon mitbringen, sowohl physisch als auch psychisch. Dann kann man mit dem Training dran feilen. Aber eigentlich sind Straßensprinter ja sozusagen „Hybriden" denn entgegen reinen Sprintern wie z .B. 100m-Läufern brauchen die Straßenradsportler ein hohes Maß an Ausdauerleistung. Die Kombination aus beidem ist es, was es so spannend macht, und worin die Kunst der Trainingsplanung besteht.

Wie wichtig ist Krafttraining und welchen Anteil hat es am Gesamttraining - allgemeines im Kraftraum und spezifisches auf dem Rad?

Das ist recht unterschiedlich von Person zu Person. Vor allem aber kommt es darauf an, wie man das Krafttraining durchführt. Von den alten Richtlinien mit 20 bis 100 Wiederholungen halte ich für die meisten Fahrer nicht viel. Ein Hauptproblem beim Krafttraining besteht aber darin, dass bei den Profis nicht viel Zeit dafür zur Verfügung steht. Die Off-Season ist ja recht kurz. Effektiv bleiben meist nur 10 Wochen dafür, das ist zu wenig für einen längerfristigen Kraftaufbau.
Im Amateurbereich hingegen hat man oft das Problem, dass Krafttraining die VLamax künstlich erhöht, aber gerade bei den Amateuren hier meist niedrigere Werte wünschenswert sind, das Training also kontraproduktiv sein kann.

Damit sich die Leser unseres Blogs ein Bild über die Maximalleistungen von Radprofis und speziell Sprintern machen können: Wo liegen die Maximalleistungen in W/kg über 10 sec bei Straßenradfahrern im Vergleich bei 1. Hobbyradfahrern, 2. guten U23 Fahrern und 3. Sprintern?

Hm, das ist schwer zu sagen. Zeitfahrer und Rundfahrer liegen wesentlich niedriger als z. B. Klassikerfahrer. Über zehn Sekunden gibt es eine Spannbreite von ca. 8 bis 14 Watt/kg. Hobbyradsportler und U23-Fahrer haben meist eine ebenfalls große Bandbreite, eben weil wie oben beschrieben viel von der Veranlagung abhängt.
Aber grundsätzlich ist zu beobachten, dass Amateure und Hobbysportler oft über sehr hohe anaerobe Fähigkeiten und damit recht gute Sprintwerte verfügen. Wir dürfen nicht vergessen, dass Radprofis sehr hoch trainierte Ausdauersportler sind, und da ist eine hohe Sprintleistung eher selten.

Noch ein Trainingstipp für die Leser des Blogs: Sollte ein ambitionierter Hobbyfahrer überhaupt Sprints trainieren? Wie würde eine Einheit z. B. aussehen?

Nur wenn es eine Schwäche darstellt. Einer der häufigsten Fehler besteht darin, dass z. B. Amateure meinen sie müssten Sprints trainieren, weil sie auf einem Rundstreckenkurs oder einem Kriterium nach 15, 20 Runden nicht mehr antreten können. Das ist aber eine Sache der Ermüdung, nicht der reinen Sprintfähigkeit. Für Hobbysportler und Jedermänner ist es nur wichtig, wenn es wettkampfrelevant ist, also meistens sekundär.
Aber abhängig vom Wettkampfziel sind Sprints im Training, also z. B. mit 8- 12s Einlagen eine nette Auflockerung. Ich empfehle diese dann gezielt mit zu kleinem oder zu großem Gang zu trainieren, um sowohl Motorik als auch Kraft gezielt zu trainieren.

Vielen Dank und weiterhin viel Erfolg!

sebastian-weber-mit-aldag-uSebastian Weber im Gespräch mit Rolf Aldag (links) und Uli Schoberer (Mitte)

 

STAPS

Sebastian Weber ist Gründer des Kölner Instituts für Leistungsanalyse und Traininigsberatung STAPS (System Theoretical Analysis of Performance in Sports).
Als Diplomsportwissenschaftler und Humanbiologe hat er zahlreiche wissenschaftliche Artikel über Laktatleistungsdiagnostik und Muskelstoffwechsel veröffentlicht und damit einen umfassenden theoretischen Hintergrund, als Trainer und Leistungsdiagnostiker von Team Wiesenhof-Akud (2005-2006) und dem Team HTC Columbia die entsprechende praktische Erfahrung.