| Tour de France 2011 - Analyse der 12. Etappe - Luz Ardiden |
![]() Viele Vorhersagen wurden vor der ersten Pyrenäenetappe gewagt, nur eine war richtig: Nach der Etappe würde das Gesamtklassement anders aussehen.
Wo Licht ist, da findet sich auch Schatten. Für das Team Radioshack läuft die Tour katastrophal. Andreas Klöden stürzte erneut und konnte, wie auch Robert Gesink (Team Rabobank), seine Ambitionen im Gesamtklassement begraben. Auch Alberto Contador hatte einen schlechten Tag. Wie wird er sich davon erholen? Einige Fahrer haben große Probleme bei der ersten Hochgebirgsetappe? Woran liegt das? Wir fragten Kevin Livingston, den früheren Edelhelfer von Lance Armstrong und später von Jan Ullrich. Kevins Aufgabe war es bis zuletzt am Berg beim Kapitän zu sein und die Tempoarbeit vor der finalen Attacke zu leisten. Jetzt leitet er sein Trainingszentrum "Pedal Hard" in Austin/Texas.
Während der ersten Tage gibt es eine Menge anaerober Belastungsspitzen, in den Bergen klettert man bis zu einer Stunde, zwei bis drei Mal während einer Etappe an oder knapp über der Schwelle. Der Rhythmus unterscheidet sich. Im Flachen kann man aufhören zu treten und man rollt mit Hilfe der kinetischen Energie mit nahezu konstanter Geschwindigkeit weiter. Trotzdem wird die Muskulatur müde, wenn man mitten im Peloton mit 40 km/h und relativ niedriger Herzfrequenz dahinrollt. Am Berg ist das Drehmoment viel konstanter, die Muskulatur ist immer unter Spannung, die Trittfrequenz niedriger. Die Atmung muss mit den veränderten Anforderungen in Einklang gebracht werden. Das ist etwas, was ich bei meiner Arbeit mit den von mir betreuten Freizeitsportlern gelernt habe. Es sind oft starke Fahrer, aber an langen Bergen können sie sich nur schwer einschätzen. Ihre Muskulatur kann nicht so lange unter so hoher Spannung arbeiten - für mich ist das eine Frage der muskulären Ausdauer. Da kann man noch so viele Energieriegel und Gels essen. Das verbessert man mit jahrelangem Training und Rennen in den Bergen.
Heute war die SRMlive-Telemetrie äußerst interessant, da Jérémy Roy (Francaise Des Jeux) ein fantastisches Rennen gefahren ist. Er war den ganzen Tag in der Ausreißergruppe, überquerte als Erster den Col du Tourmalet vor seinem Fluchtkameraden Geraint Thomas (Team Sky) und drei Minuten Vorsprung auf das Peloton. Erst sieben Kilometer vor dem Ziel wurden sie vom ersten Feld mit den besten Gesamtwertungsfahrern eingeholt. Wir freuen uns darüber, dass Jérémy uns seine SRM-Daten zur Analyse geschickt hat. Er ist einer der aktivsten Fahrer der bisherigen Tour. Die Auszeichnung mit dem "Souvenir Jacques Goddet" als Erster über den Tourmalet ist dafür eine Bestätigung.
Die ersten 15 min der Etappe waren besonders hart. Um auszureißen mußte Jérémy durchschnittlich 398 Watt (5,8 W/kg) leisten mit Belastungsspitzen bis 1.118 Watt. Mit hoher Geschwindigkeit - 49 km/h auf den ersten 12 Kilometern - konnte sich die Gruppe absetzen.
Den ersten Berg, La Horquette d'Ancizan, fuhr die Gruppe ähnlich schnell wie das folgende Peloton. Während der 31:29 min drückte Jérémy durchschnittlich 370 Watt (5,4 W/kg).
Am Tourmalet löste sich Geraint Thomas aus der Gruppe und nur Jérémy konnte folgen. Das Tempo auf den ersten 10,4 Kilometern war zu niedrig, um einen Vorsprung zu halten. Jérémys Durchschnittswerte lagen bei 338 Watt (4,9 W/kg), nachdem er sich auf die Verfolgung von Geraint gemacht hatte, leistete er auf den restlichen 6,7 km bis zum Gipfel 385 Watt (5,6 W/kg). Der Sieg der Bergprämie war seine Belohnung am französischen Nationalfeiertag.
Im Anstieg nach Luz-Ardiden kam die Gruppe immer näher und näher. Zunächst wurde Jérémy vom späteren Sieger Samuel Sanchez und Jelle Vanendert (Team Omega Pharma - Lotto) überholt und sieben Kilometer vor dem Ziel auch von der ersten Gruppe. Man erkennt, wie er in der ersten Hälfte des Berges noch einmal alle Reserven mobilisierte und auch mit zwei Antritten versuchte zu folgen, dann aber die Intensität vermindern musste. Er erreichte das Ziel 8:56 Minuten nach Samuel Sanchez, nach einem grandiosen, mutigen Tag in der Spitze.
Chris Anker Soerensen (Team Saxo Bank - Sungard) hatte sich heute sicher mehr erhofft. Er verlor acht Kilometer vor dem Ziel den Kontakt zur Spitze. Aber wie Kevin Livingston schon erwähnte: Der erste Tag in den Bergen ist nicht unbedingt der Gradmesser für den weiteren Verlauf der Tour. Insbesondere ein Fahrer wie Chris Anker, der nicht auf Gesamtwertung fährt, muss einen Tag wie diesen einfach abhaken. Der Stress der ersten Woche mit teilweise hohen Intensitäten im Flachen, Regen, Wind und den Stürzen fordert oft mehr, als man denkt.
Den ersten Berg der Kategorie 1 bewältigten die beiden in der gleichen Gruppe. Die grüne Leistungskurve ist ziemlich flach mit wenigen Ausschlägen, was für eine sehr ökonomische Fahrweise spricht. Auf der Team Astana Homepage wird Andrejs Gewicht mit 69 kg angegeben. Anhand der Daten kann man aber davon ausgehen, dass er zur Tour etwa 3-4 kg abgenommen hat. Er fährt ähnlich schnell wie Chris Anker und beide leisten 338 Watt, also etwa 5,1 - 5,2 W/kg. Chris Ankers Trittfrequenz ist deutlich höher, als die von Andrej und auch seine eigene an den späteren Bergen. Wahrscheinlich wollte er sich an die langen Anstiege gewöhnen und die Muskulatur nicht schon am ersten Berg ausbelasten.
Der Col du Tourmalet ist eines der Monumente der Tour de France. Mit mehr als 17 Kilometer Anstieg und einer Durchschnittssteigung von 7,3% ist es der längste Anstieg in den Pyrenäen bei der diesjährigen Tour. Chris Anker und Andrej überquerten den Berg mit einem Abstand von nur 30 Sekunden. 49:24 min mit 349 Watt (5,4 W/kg) für Chris Anker und 49:46 min mit 349 Watt (5,4 W/kg) für Andrej, damit waren beide im ersten Peloton. An einem so schweren Berg verbrennen die Fahrer über 1.000 Kalorien innerhalb von 50 Minuten. Da fährt man sich sehr schnell leer. Vor allem, wenn die Intensität zu Beginn des Berges hoch ist. Dann verarbeitet der Stoffwechsel fast ausschließlich Kohlenhydrate. Die Kohlenhydrate werden in Form von Glykogen in der Leber und Muskulatur gespeichert. Bei gut trainierten Sportlern können dies zu Beginn einer Etappe etwa 600 Gramm sein (entsprechend etwa 2.400 Kalorien Energie). Deshalb ist es wichtig, in den Abfahrten vor und nach den langen Bergen die Speicher wieder zu füllen, denn wenn man am Berg im Schwellenbereich fährt, ist die Verdauung limitiert.
Der letzte Anstieg nach Luz-Ardiden ist eine sehr anspruchsvolle Bergankunft mit 13,3 Kilometer und durchschnittlich 7,4% Steigung. Nur die ersten beiden Kilometer sind nicht so hart, bevor es dann steil wird. Die grüne Leistungskurve verdeutlicht, wie intensiv die Belastung für Chris Anker war, um mitzufahren. Wie hoch muss die Leistung von Jens Voigt (Team Leopard Trek) in der Führungsarbeit gewesen sein, denn nur die besten Fahrer konnten überhaupt folgen. Auch für Chris Anker wurde es zu viel. 5,2 Kilometer mit durchschnittlich 5,8 W/kg waren heute über seinem Limit. Seine Herzfrequenz erreichte ein Maximum von 171/min, dann musste er die Segel streichen. Die restlichen acht Kilometer bewältigte er mit 325 Watt (5 W/kg).
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Für den Olympiasieger Samuel Sanchez (Team Euskatel) war es ein sehr emotionaler Sieg am ersten Tag in den Pyrenäen, der Heimat des baskischen Teams. Ein Sieg hier ist für das Team und deren Fahrer etwas ganz Besonderes.
"Als Berg- oder Gesamtwertungsfahrer magst Du Dich während der ersten zehn Tage der Tour gut gefühlt haben, aber wenn es ins Hochgebirge geht, musst Du 100% fit sein, sonst bekommst Du Probleme. Die Angst davor zu verarbeiten und der innere Dialog sind wichtig. Du erwischst Dich bei Fragen wie: Habe ich in der ersten Woche zuviel für das Team gearbeitet? Bin ich zuviel im Wind gefahren? Habe ich unnötig Energie verbraucht? Eine Motivation für Bergspezialisten ist es, all die Fahrer los zu werden, mit denen Du in der ersten nervösen Woche voller Stürze um Positionen gekämpft hast. Das macht dann schon Spaß, sie abzuhängen. Ich habe mir immer gesagt, dass ich mit jedem 30 Minuten mitfahren kann und selbst an einem schlechten Tag mit meiner Tourform so gut über den ersten Berg komme, dass ich in der Abfahrt wieder aufschließen kann. Damit habe ich mich beruhigt und wieder fokussiert.











